Lieber Thomas Minder, auf ein Wort unter vier Augen! Ich war ja vor bald vier Jahren einigermassen erfreut, als Sie die Wahl in den Ständerat geschafft haben. Ich fand Ihre unbequeme Art und Ihre klaren Worte sehr erfrischend und ich habe auch Ihre Zahnpasta mit Freude verkauft. Unterdessen verkaufe ich keine Zahnpasta mehr, sondern putze nur noch die Zähne damit. Meine Begeisterung über Ihre Wahl ist verflogen und ich habe von Trybol auf Elmex gewechselt. Leider haben Sie sich aus meiner Sicht vom bunten Hund zum lästigen Streuner verwandelt. Sie verzeihen mir diesen Ausdruck, er ist mehr bildlich und nicht persönlich gemeint. Aber irgendwie haben Sie die Orientierung verloren.

Heute hat das Volk der Ecopop-Initiative, die Sie vehement unterstützt haben, eine schallende Ohrfeige verpasst. Ich bin da ausserordentlich froh darüber, aber Schadenfreude kommt keine auf. Ich erkläre Ihnen auch weshalb.

Am 25. November haben Sie auf Facebook folgenden Post veröffentlicht:

Eines ist sicher mit der starken Zuwanderung: (bitte Liste ergänzen)

  • Mieten steigen
  • Kampf um den Arbeitsplatz nimmt zu
  • Mehr Stau & Verspätungen
  • Steigen die Steuern
  • Ausländeranteil steigt
  • Sozialhilfekosten steigen
  • Arbeitslosenzahl steigt
  • Jugendarbeitslosigkeit steigt
  • Arbeitslose 50+ nehmen zu
  • Zersiedlung nimmt zu
  • Biodiversität nimmt ab
  • Luftqualität nimmt ab
  • Lärm nimmt zu
  • Kriminalität nimmt zu
  • Kantone schreiben Rot
  • Dichtestress nimmt zu
  • Immobilienpreise steigen
  • Identität der CH nimmt ab
  • Traditionelle Werte verschwinden
  • Landschaftsbild wird verschandelt
  • und, und, und

 

Ich bin ziemlich schockiert, wie oberflächlich, wie unreflektiert und vor allem mit welchen Vorurteilen und Klischees Sie argumentieren. Ich dachte bis jetzt, dass die SVP in Bezug auf „alles den Ausländern in die Schuhe schieben“ führend ist, aber Sie haben das noch überboten. Dabei führen Sie Probleme auf, die in unserem Land durchaus akut sind und die auch die Bevölkerung beschäftigen. Ich möchte anhand von zwei Themen aufzeigen, dass die Zuwanderung nur ein kleiner Teil des Problems ist, aber oft als Hauptgrund angeführt wird.

 

Dichtestress und Pendlerstau sind hausgemacht

Sie beklagen hohe Mieten in den Ballungszentren, Sie jammern über Stau, Verspätungen und übervolle Züge. Lieber Herr Minder, die Gründe für diese wirklich unerfreulichen Entwicklungen sehe ich im Handeln der Wirtschaft vor 20 bis 30 Jahren. Was ist da passiert? Begonnen hat es damit, dass Banken, staatsnahe Betriebe (Post, Swisscom, SBB), Versicherungen usw. ihre Verwaltung in den grossen Ballungszentren Zürich, Bern und Basel zentralisiert haben. Weitere Dienstleistungsbetriebe sind nachgezogen. Die Folge davon waren der Verlust von wertvollen und qualifizierten Arbeitsplätzen in den Randregionen, Wegzug von spezialisierten Arbeitnehmenden ins Unterland und Verlust der Arbeitsplatzdiversität. Graubünden ist heute mehr oder weniger vom Tourismus abhängig und weist z.B. kaum Zuwanderung auf.

Und nun wollen immer mehr Leuten logischerweise da wohnen, wo sie auch arbeiten. Es ist ja nicht ein Vergnügen jeden Morgen z.B. von Chur nach Zürich zu pendeln. Es ist auch logisch, dass dann die Mieten dort steigen. Zuerst in Zürich, dann im grösseren Radius. Und je weiter die Leute vom Arbeitsplatz weg wohnen, desto mehr fahren sie Auto und benützen die öffentlichen Verkehrsmittel. Glauben Sie mir, die Mieten in Safien sind mehr als moderat und überfüllte Postautos gibt es da nicht. Aber es hat auch kaum Arbeitsplätze dort.

Ich fahre ein bis zwei mal in der Woche nach Biel oder Bern. Der 06:06 Zug von Chur Richtung Zürich ist spätestens ab Sargans bis auf den letzten Platz gefüllt. Im Zug alles Menschen, die ihren Arbeitsplatz in Zürich aufsuchen müssen, sowie Studenten und Touristen. Von Migranten weit und breit keine Spur. Ok, der Mann mit dem „Wägeli“ ist mutmasslich kein Einheimischer, aber er nimmt auch niemandem einen Sitzplatz weg. Von Zürich nach Bern das gleiche Bild. Ein Zug voll mit Parlamentariern, Beamten, Swisscom- und SBB-Angestellten. Am Abend das gleiche Spiel retour. Einen mittleren Lachkrampf haben ich ja bekommen, als ich gelesen habe, dass jetzt das grosse Puff vom HB Bern Richtung Wankdorf ausgebrochen ist, nachdem die SBB ihren Monsterpalast dort errichtet hat. Ich gehe davon aus, dass es auch in der Agglomeration Zürich nicht anders aussieht am Morgen und Abend. Sie sollte sich also dafür einsetzten, dass die Arbeitsplätze in der Schweiz gleichmässiger verteilt werden, dass Fachhochschulen in den Randregionen die nötigen Fachkräfte ausbilden können und dass die Infrastruktur auch abseits der Ballungszentren konkurrenzfähig ist. Wenn Sie hier ihren Fokus darauf legen, dann können Sie den Ausländer ruhig auf die zweite Priorität setzen.

 

Wie viele Aldi und Einkaufscenter braucht es?

Ein weiteres Thema, dass Sie ansprechen ist die Zersiedelung und die Überbauung von Kulturland. Sie haben recht, wir können es uns nicht leisten jedes Jahr eine Fläche der Stadt Winterthur zu verbauen. Allerdings stellt sich auch hier die Frage. Womit wird denn das Land überbaut? Sind das alles Wohnungen für Zugewanderte oder könnte es allenfalls sein, dass hier andere Schuldige auszumachen sind? Das Thema Zweitwohnungen ist mehr oder weniger durch, die Tourismuskantone haben hier die Quittung für Blindheit und „Überhören der mahnenden Stimmen“ erhalten. Aber was ist denn mit all den Einkaufszentren, den Aldis auf der grünen Wiese, den aus dem Boden spriessenden Tankstellenshops? Als ehemaliger Drogerieinhaber bin ich natürlich auf die Discounter per se nicht gut zu sprechen. Wenn aber mitten im „Grünen“ Discounter hingepflanzt werden, natürlich mit entsprechend viel Parkplätzen, dann sind nicht Zuwanderer schuld, sonder eine miserable, kurzsichtige Raumplanung und Baugesetzgebung. Man würde ja meinen, das in Bern ein Einkaufscenter „Wankdorf“ reicht, aber nein, es braucht auch noch „Westside“. Baut Coop, zieht Migros nach, ohne Rücksicht auf Verluste. Folge davon: mehr Verkehr, mehr überbaute Fläche, mehr zentrale Arbeitsplätze. Sie sollten sich also für verdichtetes Bauen, für höhere Ausnützungsziffern und für „Parkplätze unter dem Boden“ einsetzten. Helfen Sie mit, dass wir keine einstöckigen Industriebauten bewilligen, sondern solche mit mindestens drei Stöcken. Wenn Sie hier ihren Fokus darauf legen, dann können Sie den Ausländer ruhig auf zweite Priorität setzen.

 

Zuwanderung ist trotz allem ein Thema

Trotz meinen Entgegnungen zu Ihren Argumenten, liegen Sie natürlich nicht komplett falsch. Wir haben eine hohe Zuwanderung und wir haben weit und breit den höchsten Anteil an Ausländern. Man darf das nicht ignorieren. Wir müssen die Zuwanderung im Auge behalten. Ich bin überzeugt, dass mit bestehenden Möglichkeiten hier Einiges zu bewerkstelligen ist. Ich danke Ihnen, wenn Sie im Parlament auf die konsequente Durchsetzung oder Verschärfung der flankierenden Massnahmen pochen, wenn Sie für eine zügige Umsetzung der Asylmassnahmen lobbieren und dass Sie verhindern, dass durch den weiteren Ausbau unserer Sozialwerke die Schweiz noch attraktiver für Ausländer wird. Denn in einem Punkte gehe ich mit Ihnen einig: Wenn wir das Problem weiter ignorieren, wächst die Gefahr, dass das Volk den nächsten „Denkzettel“ erteilt.

Im nächsten Jahr sind wieder Wahlen. Da treten Sie ja sicher nochmals an. Ich hoffe, dass Sie zu Ihrer alten Stärke zurück finden und kämpferisch argumentieren, aber die Klischees bei Seite lassen. Dann werde ich bestimmt wieder erfreut über Ihre Wiederwahl sein. Und über die Zahnpasta können wir dann auch wieder reden. Vielen Dank.

 

 

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